Für eine Softwareentwicklung soll grundsätzlich ein Lastenheft mit den klar definierten Anforderungen erstellt werden. Es enthält die Zusammenstellung aller Anforderungen des Auftraggebers hinsichtlich Liefer- und Leistungsumfang. Im Lastenheft sind die fachlichen Anforderungen aus Anwendersicht einschließlich aller technischen Anforderungen beschrieben. Damit enthält es die für den Hersteller des Softwaresystems relevanten Informationen zur Aufgabenstellung. Im Lastenheft wird im Unterschied zu einem Pflichtenheft nur definiert, was wofür zu lösen ist und nicht wie die Leistungen zu erbringen sind.
Die vorliegende Fallstudie beschränkt sich auf den fachlichen Teil der Lastenhefterstellung. Hierin liegt eine besondere Herausforderung sowohl für die Anwender bzw. Auftraggeber als auch für die Realisierer. Die Anwender kennen implizit ihren Fachkontext meist recht gut. Sie haben aber Schwierigkeiten diesen im Sinne von fachlichen Anforderungen explizit zu formulieren und als Realisierer ist man meist häufig gezwungen dem Auftraggeber hierbei Unterstützung zu geben. Die Fallstudie bietet somit dem Realisierer eine Hilfestellung zur Erstellung des fachlichen Teils des Lastenhefts. Dieser Teil bildet mit seinen fachlichen Anforderungen auch eine wesentliche Grundlage für die Erstellung des darüber hinaus benötigten technischen Teil des Lastenhefts.
Die Lastenhefterstellung wird in dieser Fallstudie anhand eines konkreten vom Fraunhofer ISST durchgeführten Projekts beschrieben. In dem Projekt hat Fraunhofer ISST als Auftragnehmer den Auftraggeber bei der Ermittlung der fachlichen aber auch der technischen Anforderungen des Lastenhefts begleitet. Mit dem erstellten Lastenheft soll ein öffentliches Ausschreibungsverfahren zur Entwicklung eines Softwaresystems vorbereitet werden.
Der Auftraggeber hatte sich im Laufe von mehreren Jahren eine Anwendung auf der Basis von Microsoft Access zur Verwaltung von Angeboten privater Sozialdienstleister geschaffen. Ausgehend von dieser Anwendung bestand der Wunsch, hieraus eine verteilte Anwendung für alle Abteilungen des Auftraggebers zu entwickeln.
Zu Beginn wurde eine Voruntersuchung durchgeführt, um die Eignung der Access-Anwendung als Spezifikation der Anforderungen zu überprüfen. Die Voruntersuchung ergab, dass die Access-Anwendung als Anforderungspezifikation nicht ausreicht. So wurde beschlossen, ein eigenständiges Lastenheft zu erarbeiten und sich dabei auf die vier fachlichen Kernelemente eines Lastenhefts wie Anwendungsfälle, fachliche Datenmodelle, Rollen- und Rechtekonzepte sowie Dialogmasken zu konzentrieren. Auf dieser fachlichen Basis entstand später der – in der Fallstudie nicht behandelte – technische Teil des Lastenhefts.
In der Fallstudie werden die Ergebnisse der vier Arbeitsschritte der fachlichen Anforderungsermittlung im Beispiel dargestellt. Sie zeigen sowohl für die Anwender als auch den Realisierer verständliche Modellierungs- und Darstellungstechniken für die o. g. fachlichen Kernelemente.